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Taharah (Rituelle Reinheit) in der Shafi'i-Schule

Die rituelle Reinheit ist die Grundvoraussetzung für das Gebet. Die Shafi'i-Schule verwendet die klassischen 5 Rechtskategorien (Fard/Wajib, Sunnah, Mubah, Makruh, Haram). Fard und Wajib sind in dieser Schule (außer beim Hajj) vollkommen synonym.


1. Wasserarten (Die Qullatayn-Regel)

Ein markantes Merkmal der Shafi'i-Schule ist die Kategorisierung von Wasser nach seinem Volumen. Zwei Qullahs (Qullatayn) entsprechen ca. 190-210 Litern.

  • Viel Wasser (Zwei Qullahs oder mehr): Wird nur unrein (Najis), wenn sich Farbe, Geschmack oder Geruch durch eine Unreinheit ändern.
  • Wenig Wasser (Weniger als zwei Qullahs): Wird sofort unrein (Najis), sobald auch nur ein Tropfen Najasah hineinfällt, selbst wenn sich die Eigenschaften des Wassers nicht verändern.

2. Wudu (Die kleine rituelle Waschung)

Fard (Absolut verpflichtend)

Das Weglassen einer dieser Handlungen macht das Wudu ungültig.

  1. Die Niyyah (Absicht): Im Moment des Waschens des Gesichts. (Im Gegensatz zu den Hanafiten ist die Absicht hier Fard!)
  2. Waschen des Gesichts (einmalig).
  3. Waschen beider Arme inklusive der Ellbogen.
  4. Streichen (Masah) über einen Teil des Kopfes (auch wenn es nur ein einziges Haar in den Grenzen des Kopfes ist).
  5. Waschen beider Füße inklusive der Knöchel.
  6. Die Reihenfolge (Tartib): Genau diese Reihenfolge muss eingehalten werden.

Sunnah (Empfohlen)

Handlungen, die belohnt werden, deren Unterlassung aber das Wudu nicht ungültig macht.

  • Aussprechen der Basmalah zu Beginn.
  • Verwendung des Miswak.
  • Waschen der Hände zu Beginn.
  • Mund ausspülen (Madmadah) und Wasser in die Nase ziehen (Istinshaq).
  • Das Streichen über den gesamten Kopf (anstatt nur eines Teils).
  • Das Streichen der Ohren (innen und außen) mit neuem Wasser.
  • Das Waschen jedes Körperteils dreimal.
  • Muwalat (Zügigkeit): Die Teile waschen, bevor das vorherige Teil getrocknet ist.

Makruh (Verpönt)

  • Sprechen während des Wudu (außer für Zikr).
  • Wasserverschwendung (mehr als dreimal waschen).
  • Hilfe von anderen in Anspruch nehmen (außer bei Krankheit).

3. Was das Wudu bricht (Nawaqid)

Die Shafi'i-Schule hat hier eine sehr spezifische, strenge Regelung bezüglich der Berührung von Frauen.

  • Ausscheidungen aus den beiden Wegen (Urin, Kot, Wind, etc.).
  • Verlust des Verstandes (Schlaf, Ohnmacht, Rausch) - Ausnahme: Schlaf in einer fest sitzenden Position, bei der das Gesäß den Boden nicht verlässt.
  • Hautkontakt mit dem anderen Geschlecht: Die direkte (Haut-auf-Haut) Berührung einer Frau (die man theoretisch heiraten dürfte - also keine Mahram-Verwandten) bricht das Wudu beider Personen, selbst wenn es ohne sexuelle Lust geschieht. (Im Gegensatz zu Hanafi und Maliki).[^1]
  • Das Berühren der eigenen Genitalien (oder des Anus) mit der Handinnenfläche (ohne Stoffschicht dazwischen).[^2]

4. Ghusl (Die große rituelle Waschung)


[^1]: Imam al-Shafi'i stützt sich hier wörtlich auf Qur'an 5:6: "Oder wenn ihr Frauen berührt habt..." (Aw lamastum al-nisa). Er interpretierte "lamastum" als physisches Berühren mit der Haut, während Abu Hanifa es metaphorisch für Geschlechtsverkehr verstand. [^2]: Basierend auf dem Hadith: "Wer sein Geschlechtsteil berührt, soll Wudu machen." (Sahih Ibn Hibban).

Fard

  1. Niyyah (Absicht) im Moment, in dem das erste Wasser den Körper berührt.
  2. Das Wasser über den gesamten Körper fließen lassen, inklusive aller Haare (bis zur Wurzel) und der Hautfalten. (Mund und Nase sind nach der Shafi'i-Schule NICHT Fard beim Ghusl, sondern Sunnah!)

Sunnah

  • Zuerst die Unreinheiten vom Körper entfernen.
  • Ein vollständiges Wudu vor dem Ghusl durchführen (inklusive Mund- und Nasenspülung).
  • Rechts beginnen.
  • Den Körper abreiben (Dalk).
  • Alles dreimal durchführen.

5. Tayammum (Die trockene Waschung)

Fard

  1. Übertragung der Erde: Der Sand/Staub muss absichtlich auf die Körperteile übertragen werden. (Die Erde muss reiner Sand/Staub sein, kein Stein ohne Staub).
  2. Niyyah: Die Absicht fassen, das Gebet erlaubt zu machen (nicht die Unreinheit aufzuheben, da Tayammum keine Reinheit erschafft, sondern nur das Gebet legitimiert).
  3. Streichen über das Gesicht.
  4. Streichen über beide Arme (inklusive Ellbogen).
  5. Reihenfolge (Tartib).

Wichtige Shafi'i-Regel zum Tayammum

  • Man darf mit einem Tayammum nur ein einziges Fard-Gebet verrichten. Für das nächste Fard-Gebet muss ein neues Tayammum vollzogen werden.
  • Das Tayammum darf erst nach Eintritt der Gebetszeit vollzogen werden.