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Taharah (Rituelle Reinheit) in der Ja'fari-Schule
Die schiitische Ja'fari-Schule hat bei der Waschung (Wudu) einige der bekanntesten Unterschiede zur sunnitischen Praxis, da sie den Qur'an-Vers über das Wudu (Sure 5:6) grammatikalisch anders interpretiert.
1. Wasserarten
Wie die anderen Schulen unterscheidet die Ja'fari-Schule zwischen reinem (Tahur/Mutlaq) und unreinem/gemischtem (Mudaf) Wasser.
- Kurr-Wasser: Dies ist die schiitische Entsprechung zur Shafi'i-Qullatayn-Regel. Ein "Kurr" entspricht etwa 384 Litern (oder einem Volumen von ca. 43 Spannen cubed).
- Wasser, das mehr als ein Kurr ist, wird durch Najasah nur unrein, wenn sich Farbe, Geruch oder Geschmack ändern.
- Ist es weniger als ein Kurr, wird es sofort unrein (Najis), sobald es mit Unreinheit in Berührung kommt.
2. Wudu (Die kleine rituelle Waschung)
Die Ja'fari-Schule unterteilt das Wudu streng in zwei Waschungen (Ghasl) und zwei Streichungen (Mash).
Fard (Wajib - Verpflichtend)
Das Weglassen oder Ändern der Methode macht das Wudu ungültig (Batil).
- Die Niyyah (Absicht): Muss für Allah (Qurbatan ila Allah) gefasst werden.
- Waschen des Gesichts: Von oben nach unten (vom Haaransatz zum Kinn). Das Waschen von unten nach oben macht das Wudu ungültig.
- Waschen der Arme (Ghasl):
- Besonderheit: Die Arme MÜSSEN zwingend von den Ellbogen abwärts bis zu den Fingerspitzen gewaschen werden. Wäscht man von den Fingern in Richtung Ellbogen (wie es viele Sunniten tun), ist das Wudu bei den Ja'faris ungültig.
- Die rechte Hand wird vor der linken gewaschen.
- Streichen über den Kopf (Mash):
- Mit der verbliebenen Nässe der rechten Hand wird (meist mit 3 Fingern) über das vordere Viertel des Kopfes (von der Mitte nach vorn zum Haaransatz) gestrichen.
- Es darf kein neues Wasser dafür entnommen werden.
- Streichen über die Füße (Mash):
- Die größte Besonderheit: Die Füße dürfen nicht gewaschen (Ghasl) werden. Es ist zwingend Fard, über die trockenen Füße (von den Zehenspitzen bis zum Knöchelgelenk/Spann) zu streichen (Mash).
- Das Streichen geschieht mit der restlichen Nässe der Hände (ohne neues Wasser zu nehmen). Das Waschen der Füße macht das Wudu im Ja'fari-Fiqh ungültig.
- Das Streichen über Socken (Mash 'ala al-Khuffayn) ist absolut verboten (Haram), außer in lebensbedrohlicher Notwehr (Taqiyyah) oder extremer Kälte.
- Tartib (Reihenfolge) und Muwalat (Zügigkeit).
Mustahabb (Empfohlen)
- Sprechen der Basmalah.
- Mund und Nase ausspülen (vor dem eigentlichen Gesicht-Waschen).
- Das Gesicht und die Arme ein zweites Mal waschen (ein drittes Mal ist verboten/Bid'ah!).
3. Was das Wudu bricht (Mubtilat)
Die Ja'fari-Schule ist hier sehr eng an den biologischen Auslösern.
- Ausscheidungen aus den beiden Wegen (Urin, Kot, Wind).
- Tiefer Schlaf (der das Hören und Sehen blockiert).
- Verlust des Verstandes (Rausch, Ohnmacht).
- Istihada (Blutung der Frau außerhalb der Menstruation - erfordert je nach Stärke neues Wudu).
- Besonderheit: Das Berühren einer Frau (auch mit Lust) oder das Berühren der eigenen Genitalien bricht das Wudu in der Ja'fari-Schule NICHT.
4. Ghusl (Die große rituelle Waschung)
Der Ghusl wird in zwei Methoden unterteilt, die beide gültig sind.
1. Ghusl Tartibi (Die sequenzielle Methode)
Dies ist die bevorzugte Methode. Die Reihenfolge ist extrem wichtig (Fard):
- Niyyah (Absicht).
- Waschen des gesamten Kopfes und Halses zuerst (und separat vom Rest).
- Waschen der gesamten rechten Körperhälfte.
- Waschen der gesamten linken Körperhälfte. (Eine Abweichung von dieser Reihenfolge macht den Ghusl ungültig).
2. Ghusl Irtimasi (Die Eintauch-Methode)
- Niyyah.
- Das gleichzeitige Eintauchen des gesamten Körpers unter Wasser (z.B. in einem See oder großen Becken/Kurr).
Wichtig für das Gebet
- Nach der Mehrheitsmeinung der zeitgenössischen schiitischen Gelehrten ersetzt der Ghusl al-Janabah (nach Samenerguss/Verkehr) das Wudu vollständig. Man darf danach sofort beten, ohne ein extra Wudu zu machen. (Ghusl für Freitag oder andere Sunnah-Waschungen ersetzen das Wudu jedoch meist nicht).
5. Mutanjjis (Übertragung von Unreinheit)
Die Ja'fari-Schule hat sehr genaue Regeln zur "Najasah" (Unreinheit).
- Trockene Unreinheit überträgt sich nicht. Wenn man mit einer trockenen Hand einen trockenen, rituell unreinen Gegenstand (z.B. einen trockenen Hund) berührt, bleibt die Hand rein (Tahir).
- Sobald Feuchtigkeit (Nässe, Schweiß) im Spiel ist, überträgt sich die Najasah sofort.
- Hunde und Schweine sind Najis al-Ayn (im Wesen unrein, auch lebendig).
- Alkohol (flüssige Rauschmittel) gilt ebenfalls als physisch Najis.